Hier können alle Menschen Judo lernen

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Judo - Joel und Sipan
Joel (rechts) versucht, sich aus dem Griff von Sipan zu befreien. Foto: Welz

Bei einem Autounfall verletzte sich Claudia Thieme (35) so schwer, dass ihr Arzt der Meinung war, sie würde nie wieder Sport machen können: „Meine Wirbelsäule war total kaputt, aber ich hab den Arzt eines Besseren belehrt“, sagt die 35-Jährige heute. 18 Jahre nach dem Unfall steht sie kurz davor den schwarzen Gürtel im Judo zu erlangen. Seit vergangener Woche bietet Thieme als Trainerin für den TSV Barsinghausen zudem einen Judo-Kurs für gehandicapte Menschen in Barsinghausen an.

Claudia Thieme trägt einen blauen Judoanzug, um die Hüfte hat sie sich ihren braunen Gürtel geschnallt, der ihren aktuellen Rang anzeigt. Um sie herum stehen zehn Kinder, die etwas von ihr lernen wollen. Zwei von ihnen treten mit einem Handicap an: Joel (9) hat eine auditive Wahrnehmungsstörung, eine Leserechtschreibschwäche und ist hyperaktiv, Sipan (6) hat seit der Geburt eine ausgerenkte Hüfte und eine schwere Fehlstellung beider Füße; trotzdem wollen beide gerne Sport machen.

Judo-Trainerin Claudia Thieme
Judo-Trainerin Claudia Thieme (35) leitet den G-Judo-Kurs für Menschen mit und ohne Handicap seit Anfang Februar. Foto: Welz

Judo biete sich für Menschen mit körperlicher Behinderung besonders gut an, weil es kein sonderlich starres Vorbild von Bewegungsabläufen gebe, so Thieme: „Man kann die Techniken vollständig an die Fähigkeiten des eigenen Bewegungsapparates anpassen.“ Damit das klappt, hat die Trainerin einen speziellen Übungsleiterschein erworben: „Für mich als Trainerin ist es wichtig, dass jeder Schüler individuell eingestellt werden muss“, erklärt sie. Sipan kann sich beispielsweise nicht hinknien, deswegen bietet Thieme ihm sofort Alternativen. Der Sechsjährige setzt diese sehr gut um; Liza Mirza, seine Mutter, sitzt dennoch ziemlich ängstlich am Mattenrand und schaut zu: „Kinder sind manchmal knallhart, sie wählen meinen Sohn nicht in ihr Team, das tut beim Zugucken schon sehr weh.“ Deshalb setzt sie große Hoffnungen in den Kurs, in dem Sipan lernen soll, was es heißt, integriert zu sein.

Nicole Mühlfelder, die Mutter von Joel, guckt sich ebenfalls sehr genau an, wie ihr Sohn sich auf der Matte macht: „Joel ist leider wegen seiner Verhaltensauffälligkeiten aus vielen Vereinen rausgeworfen worden“, sagt sie. Joel war bereits bei den Pfadfindern, beim Fußball, beim Kinderturnen; doch sein Handicap hat ihm dort immer alle Wege verbaut – vielleicht ist das beim G-Judo jetzt endlich anders.

Trainerin Claudia Thieme ist jedenfalls vom Konzept überzeugt: „Ich habe es durch Judo geschafft, mich wieder aufzubauen. Judo ist für alle da!“ Der neue G-Judo-Kurs des TSV Barsinghausen findet außerhalb der Schulferien immer dienstags von 16.30 bis 18 Uhr im Dojo der KGS Goetheschule (Goethestraße 29, Barsinghausen) statt.

(tow)