Hans-Jürgen Ramm lernt bei der AWO, wie man Erinnerungen konserviert

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Hans-Jürgen Ramm
An seinem Schreibtisch in Gehrden versucht Hans-Jürgen Ramm kreativ zu werden und kramt dafür in Erinnerungen. Foto: Welz

Er könnte stundenlang erzählen, ohne Pause; von der Flucht vor den Russen 1945, der Einführung der D-Mark 1948, seiner Zeit bei der Marine oder von seinem großen Trecker-Unfall, bei dem er wegen eines Fuchsbaus fast sein Bein verlor: „Das ist dann aber immer ein Monolog, der auf Dauer ziemlich eintönig wird“, gesteht Hans-Jürgen Ramm (75) aus Gehrden. Wenn er seine Erlebnisse aber nicht irgendwie haltbar macht, befürchtet der 75-Jährige, dann sind sie irgendwann plötzlich weg. Deshalb besucht Ramm seit rund drei Jahren einen AWO-Kurs zum Biographischen Schreiben.

Dort lernt er, wie man für immer festhält, was an Erinnerung so in einem steckt. „Ob das später wirklich mal wen interessiert, keine Ahnung“, sagt Ramm. Wenn nicht? Auch nicht schlimm: So viel aus seiner Kindheit und den Jahrzehnten danach sei wieder ans Tageslicht gekommen. Er könne jetzt vieles klarer sehen. Das Schreiben ist für ihn offenbar weniger Zeitvertreib und mehr eine Art Therapie: „Zu tun habe ich genug, im Garten gibt es reichlich Aufgaben zu erledigen“, erklärt Ramm.

Aber das Schreiben helfe ihm, sich selbst und sein Leben besser zu verstehen. In letzter Zeit spüre er zudem immer häufiger „eine innere Verpflichtung“. Er will beim Schreiben der Memoiren endlich vorankommen: „Ich bin jetzt der Älteste in meiner Familie“, sagt er. Was er weiß, weiß kaum ein anderer mehr. Sein Wissen ist bedroht, wenn er es nicht konserviert.

Hans-Jürgen Ramm 1955
Hans-Jürgen Ramm, 1955. Foto: privat

Er will aufschreiben, dass er schon als Dreijähriger täglich alleine in die Hamburger S-Bahn stieg, um in den – drei Haltestellen entfernten – Kindergarten zu kommen („Der Hinweg war kein Problem, auf dem Rückweg verfuhr ich mich ab und zu, nach Hause gefunden habe ich trotzdem immer.“). Er will aufschreiben, dass es in Sachen Schule nicht fürs Gymnasium reichte („Ich war stinkendfaul!“) und dass seine Leidenschaft damals nur dem Fußball gehörte. Und er will aufschreiben, wie er in einem Wald in der Nähe von Gifhorn mit einem Trecker in einen Fuchsbau fuhr, von seinem Sitz rutschte und wie das riesige Hinterrad seinen Fuß überrollt hat („Fast hätte ich mein Bein verloren.“).

Vielleicht schreibt Hans-Jürgen Ramm auch über seine Zeit als stellvertretender Schulleiter der Berufsbildenden Schule 3 in Hannover, über seine Frau Käthe, die die Gehrdener Bücherwelt als Stadt-Bibliothekarin prägte, bis sie 2010 an Krebs verstarb oder über seine Empfindungen als die D-Mark 1948 eingeführt wurde: „Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Plötzlich waren die Schaufenster voll. Es gab alles, nur reichte das Geld oft nicht.“

Ob das worüber er schreibt am Ende gar für ein Buch reicht, wisse der 75-Jährige heute noch nicht: „So langsam bin ich aber wahrscheinlich so weit, es einfach auszuprobieren“, sagt Ramm. Nicht das die Geschichten letztlich doch irgendwann – unlesbar – mit ihm von dieser Welt verschwinden.

(tow)